Die Situation um die medizinische Grundversorgung in der Region Muri spitzt sich zu. Das Monvia-Gesundheitszentrum in Muri hat wie angekündigt zum Jahresende seine Türen geschlossen. Für Betroffene werden die Lücken in der medizinischen Grundversorgung in der Region Muri zunehmend spürbar.

Seit dem 22. Dezember ist das Monvia-Gesundheitszentrum in Muri Vergangenheit. Patricia Kellerhals, CEO der Monvia AG, bestätigte auf Anfrage die im Herbst publizierte Zahl: «Aufgrund der im Jahr 2017 behandelten Patienten und derjenigen, welche in unseren Karteien noch angemeldet sind, gehen wir davon aus, dass rund 3000 Kunden einen Hausarzt, Gynäkologen, Kinderarzt oder Psychiater suchen müssen.» Wie viele dieser Patienten sich an ein anderes Monvia-Zentrum gewandt haben, ist am Hauptsitz in Luzern nicht im Detail bekannt.
Monvia versucht, den Patienten im Rahmen des Möglichen Hilfestellung zu leisten. Auf der Website sind die Standorte der beiden Ärzte genannt, die zuletzt im Zentrum in Muri praktizierten. Dr. med. Margrit von Moos wird in der Praxis-Gruppe Sins tätig sein, Dr. med. Bernhard Bickel wechselt ins Monvia-Gesundheitszentrum nach Olten. Die Kunden haben noch heute Freitag sowie vom 8. bis 12. Januar Gelegenheit, ihre Krankengeschichte nach vorheriger Information im Gesundheitszentrum an der Luzernerstrasse abzuholen.
Dass sich mit der Schliessung die prekäre Situation um die medizinische Grundversorgung in der Region Muri weiter zuspitzt, weiss Patricia Kellerhals: «Es ist ein Fakt, dass Muri eine unterversorgte medizinische Region ist.» Die ausgebildete Ärztin bezeichnet die Politik des Departements Gesundheit und Soziales (DGS) in Aarau als «nicht nachvollziehbar». Opfer des Zulassungsstopps für ausländische Ärzte seien nicht nur viele Patienten, sondern im Fall Muri auch die Monvia: «Wir haben hohe Investitionen getätigt, welche jetzt ohne Verwendung zurückbleiben.»
Monvia hatte sich schon vor Monaten vergeblich um eine Ausnahmebewilligung für den Standort Muri bemüht. Die unnachgiebige Haltung des DGS führe nicht nur dazu, dass sich die Probleme in der medizinischen Grundversorgung verschärften, auch aus wirtschaftlicher Sicht sei es bedenklich, was der Kanton bei Privaten in Kauf nehme.
Der langfristige Mietvertrag zwischen Monvia und dem Liegenschaftseigentümer läuft auch nach der Schliessung weiter. «Wir suchen proaktiv nach einem Nachmieter», sagt Patricia Kellerhals. Einfach wird es nicht werden, denn die plötzlich angepasste und strikte Zulassungssituation führe dazu, dass im Kanton Aargau praktisch nur noch Schweizer Ärzte praktizieren dürften.
Patricia Kellerhals kontaktierte auch Muris Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger zweimal persönlich, um ihn über die Situation im Freiamt zu informieren und die Offenheit für eine Zusammenarbeit zu signalisieren. Dieser bestätigt die Kontaktnahme, verweist aber darauf, dass die Gemeinde ein Präjudiz schüfe, falls sie proaktiv zu einer Lösung beitrage: «Wenn man in diesen Markt eingreift, muss man sich der Konsequenzen bewusst sein.» Bei anderen Gesundheits- oder Ärztezentren würden damit möglicherweise Begehrlichkeiten geweckt.
Der Gemeinderat habe die Situation analysiert, und man sei zum Schluss gekommen, dass das Thema Hausärztemangel mit Blick auf die ganze Region angegangen werden müsse. Die Fachkommission Alter und Gesundheit des Regionalplanungsverbandes Oberes Freiamt hat laut Budmiger das Anliegen in Aarau deponiert. Ein Signal, dass das DGS zu einer Lösung Hand bieten werde, habe man bisher nicht empfangen. Im Freiamt rechnet kaum mehr jemand damit, dass der Kanton mit einer Ausnahmeregelung für das Freiamt die Zulassungsbedingungen noch lockern wird. Doch selbst wenn der Kanton mit sich reden liesse, ändere das nichts an den bestehenden strukturellen Defiziten, meint Budmiger. Ein gegenüber Schweizer Ärzten nicht adäquater Ausbildungsstand, Sprachbarrieren oder ein divergierendes Kulturverständnis zwischen Arzt und Patient seien Fakt und könnten nicht aus der Welt geschaffen werden.
Für den Gemeinderat bleibe kurzfristig eigentlich nur die Hoffnung, dass die Monvia in Eigenregie eine (Nachfolge-)Lösung finde, auch mit Blick auf die laufenden Mietzinsen an der Luzernerstrasse. Budmiger verweist auf die Entwicklung in Sins, wo nach der Schliessung des Ärztezentrums mit der Praxis-Gruppe Schweiz eine Nachfolgelösung habe gefunden werden können.
Ein Gespräch mit zwei Müttern in Muri zeigt die Problematik auf. Ihre Familien stehen als bisherige Patienten der Monvia jetzt ohne Hausarzt da. Nachdem sie das Schreiben der Monvia zur bevorstehenden Schliessung des Gesundheitszentrums erhielt, habe sie sich unter anderem bei einer Kollegin orientiert, welche als Physiotherapeutin tätig ist und im ständigen Kontakt mit Ärzten stehe, erzählt eine von ihnen.
Die Empfehlung der Kollegin blieb jedoch ohne Erfolg, die angefragte Praxis in Muri lehnte eine Aufnahme der Familie in den Hausarzt-Status mit dem Verweis auf die fehlenden Kapazitäten ab. Und nicht nur das: Ihr sei dort sogar bedeutet worden, dass sie in der nahen Umgebung vermutlich keinen neuen Hausarzt finden werde.
Auch die weiteren Bemühungen, sich in einer Hausarztpraxis registrieren zu lassen, fruchteten nicht. Selbst Praxen in Wohlen hätten mit Hinweis auf die zu grosse örtliche Distanz die Familie nicht aufnehmen wollen.Zwar erhielt die Frau von Monvia den Tipp, sich beim Ärztezentrum der Praxisgruppe Schweiz in Sins anzumelden, was für sie wiederum keine wirkliche Lösung darstellt. Sie, verheiratet und Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, erinnert an den Sinn und Zweck eines Hausarztes. Besonders im Akutfall und für allfällige Nachbehandlungen und -kontrollen sei man darauf angewiesen, dass der Arzt in der Nähe erreichbar sei. Aus dem gleichen Grund verzichtet sie vorerst auch auf das Angebot einer ehemaligen Monvia-Gynäkologin, die nun in Birmensdorf praktiziert.
Die vierköpfige Familie ist zwar gesund, komme es jedoch zu einem Notfall, bleibe aktuell keine andere Möglichkeit, als direkt ins Spital zu fahren. Das wiederum sehe die Krankenkasse mit Verweis auf die entstehenden Kosten nicht gern. Eine beim Gespräch anwesende Kollegin erwähnte einen länger zurückliegenden Notfall mit ihrem Mann, als sie ins Seetal fahren mussten, weil sie im Freiamt keinen behandelnden Arzt fanden.

Text und Bild Thomas Kron

Mehr im «Freiämter» vom Freitag, 5. Januar