Rot waren die Lippen des «Eva Quartett», welches am Montagabend das Konzert im Rahmen des Boswiler Sommers eröffnete – passend zu «rot mundend», dem Motto des Abends. A cappella liessen Gergana Dimitrova (Sopran), Sofia Kovacheva (Mezzo -Sopran), Evelina Christova (Alt) und Daniela Stoichkova (Kontra-Alt) ihre Stimmen erklingen, eindringlich und sanft zugleich, was anfangs durchaus etwas ungewohnt klang. Sie sangen bulgarische Volkslieder, die zum Beispiel von einer Grossmutter, einem Dorffest («Sedenki) oder von der Liebe erzählten. Dieses Lied war nicht etwa schwülstig oder kitschig, sondern in schnellem Tempo gesungen, mit Jauchzern durchsetzt und einem abrupten Schluss – was in der Liebe ja durchaus vorkommen kann.

Klänge des Ostens

Auf das «Eva Quartett», eines der bekanntesten Gesangs-Ensembles Bulgariens, folgten Jonian Kadesha (Violine) und Nicholas Rimmer (Klavier), im roten Hemd. Sie spielten die ­Violinsonate Nr. 3 «im rumänischen Volkscharakter» von Georges Enescu. Der Geigenlehrer und Mentor von Yehudi Menuhin sieht in seinem Stück zusätzlich zu den fünf bekannten dynamischen Zeichen zwischen Pianissimo (pp) und Fortissimo (ff) acht weitere Symbole vor, um noch stärker zu differenzieren. Enescu wollte mit dem Stück die Volksmusik seiner Heimat in die Kunstmusik übertragen. Was «im rumänischen Volkscharakter» bedeutet, ist in den drei Sätzen gut hörbar. Der erste ist ein «melancholisches Moderato», das sich aus Fragmenten ungarisch-rumänischer Folklore zusammensetzt. Im zweiten Satz, einem Andante sostenuto e misterioso, hat Enescu den mystischen Seiten seines Stils und der rumänischen Volksseele Ausdruck verliehen. Im letzten Satz folgt der Tanz, ein Allegro.
Jonian Kadesha und Nicholas Rimmer, oder vielmehr Violine und Klavier haben zusammen geweint, gejammert, sinniert und getanzt – ­beeindruckend, wie die beiden Musiker die Klänge des Ostens ins Boswil aufleben liessen.

Keine Folgen für Figur

Den dritten Teil des Abends gestaltete das Ensemble «Tri I Dve» mit dem Perkussionisten Johannes Fischer und wiederum dem «Eva Quartett». Neben Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók war Musik aus dem Balkan zu hören. Die Musik war sehnsüchtig, schwelgend, auf jeden Fall leichter und beschwingter als im ersten Teil des Abends. Spannend auch die Instrumente, die zu hören waren: Neben der wunderbaren Harfe eine Gadulka ein typisches Streichinstrument der bulgarischen Volksmusik. Und eine – rote – Melodica, ein Harmonikainstrument, das mit Atemluft und einer Klaviatur gespielt wird.
Das Publikum liess sich nur zu gerne von der beschwingten Musik mitreissen. Als Tashko Tasheff, der Kontrabassist von «Tri I Dve», den Rhythmus eines Stücks erklärt und ihn am Beispiel «Künstlerhaus Bos-wil» veranschaulichte, machte das Publikum auf seine Aufforderung hin lautstark mit.
Noch bis Sonntag erklingen in Boswil musikalische Delikatessen. Wer davon naschen möchte, braucht sich keine Gedanken um seine Figur machen. Infos über das Musikfestival Boswiler Sommer in der Alten Kirche unter www.kuenstlerhausboswil.ch.