Mit einem Frachtschiff über die Meere schippern muss ein besonderes Erlebnis sein. Richard Gähwiler erfüllt sich als Pensionist einen lang gehegten Traum und reist mit einem Frachter von Hamburg nach Genua.

Für mich war es ein Bubentraum, der nach 50 Jahren endlich in Erfüllung geht: Mit einem Mehrzweckfrachter, der «Rickmers New Orleans», von Hamburg nach Genua.

Nicht, dass ich eine Wasserratte gewesen wäre. Erst in der Primarschule wurde mir das Schwimmen beigebracht. Aber als ich mit 15, im Jahr 1965, vor der Berufswahl stand, war klar – Matrose auf einem Frachtschiff, das war mein Ding. Entsprechende Unterlagen und Anmeldebogen für die Rheinschifffahrt präsentierte ich meinem Vater. Seine Begeisterung hielt sich in Grenzen: «Seeleute sind Trunkenbolde und führen einen unseriösen Lebenswandel!». So lernte ich «etwas Richtiges» und suchte das «Abenteuer» in der Chemiebranche.

Anstatt als Matrose auf See, bereiste ich fremde Länder als «Rucksack-Tourist». Als Passagier mit ­einem LKW nach Holland (natürlich zum Hafen), mit der Transsib nach Peking, Far-East-Reisen nach Malaysia, auf die Philippinen und nach ­Indonesien. Später dann Badeferien mit Familie und im gesetzteren Alter schliesslich auch eine Kreuzfahrt. So imposant diese stolzen Luxusliner auch sein mögen, es fehlt die Betriebsamkeit beim Laden und Löschen von Fracht, und die Atmosphäre an Kai-Anlagen.
Mir war klar, dass die in den Liedern besungene Seemanns-Romantik von Fredy Quinn, Hans Albers und wie sie alle hiessen schon längst Geschichte ist. Trotzdem. Der Bubentraum blieb.

Geschenk half auf die Sprünge

Man muss dem Glück manchmal ein bisschen nachhelfen. Seit meinem Bubentraum sind nun rund 50 Jahre verflossen. Ich bin pensioniert und habe im Prinzip keine Liste noch zu erfüllender Lebensziele. Aber – es gibt immer noch Ideen, Wünsche und Träume, welche realisiert werden könnten. Weit vorne figuriert da natürlich immer noch die Frachtschiffreise. Und dann plötzlich: Dank einem Abschiedsgeschenk für eine langjährige Vorstandstätigkeit, ein Zustupf für eine Frachtschiffreise, rückte mein Traum in greifbare Nähe. Jetzt musste ich aktiv werden.
Natürlich kannte ich Reedereien und Organisatoren, welche solche Reisen anbieten: Weltreisen in allen Schattierungen, von Lübeck in die Ostsee, Antwerpen-Australien via Suezkanal, mit einem Stückgutschiff von Bremerhaven nach Finnland, von Rotterdam nach Fortaleza, mit einem Leuchtturmschiff entlang Englands Küste oder ein Schnuppertörn von Hamburg nach Le Havre. Basierend auf meinen Auswahlkriterien (eine Kurzreise in den Süden Europas sollte es sein) schränkte sich das Angebot ein. Mein Favorit war schliesslich die Strecke Hamburg – Genua.

Gute Gesundheit wird vorausgesetzt

So landete ich bei der Rickmers-Reederei aus Hamburg, welche diese Route monatlich befährt. Aber noch war meine Reise nicht gesichert. ­Neben einem üblichen Beförderungsvertrag wird für Frachtschiff-Passagiere «seemännische Robustheit» verlangt. Denn anders als beim «Traumschiff» ist auf Frachtschiffen kein Arzt an Bord, und die medizinischen Einrichtungen sind begrenzt. Daher musste auch meine gefühlte Gesundheit in einem umfangreichen Fragebogen von einem Arzt bestätigt werden. Darum also die muskelbepackten Seemänner «à la Popeye».

Anfangs Juli gehts nun endlich los. Die Frage nur: Wann denn genau? «Diese Mehrzweckfrachter fahren nicht nach einem festen Fahrplan. Flexibilität ist daher erforderlich», wurde ich durch die Reederei informiert. Hat man ja als Pensionär. Fest steht immerhin das Schiff: Die «Rikmers New Orleans», ein Frachtschiff für Container, Projektladungen und Stückgut. Kabine Nr. 612, auf Backbord achtern, auf dem Kapitänsdeck, wird mein Zuhause auf See sein. Ausblick frei nach achtern und zur Seite –sofern nicht durch die Ladung versperrt – versprach der Beschrieb.

Auf www.marinetraffic.com kann das aktuelle Geschehen der Christlichen Seefahrt eingesehen werden. Der Standort der «Rickmers New Orleans» war Ende Juni noch im Nord-Atlantik mit Ziel Vlissingen in Holland. Ankunft in Hamburg voraussichtlich um den 10. Juli. Der Seesack ist längst gepackt, ein Zimmer im «Seemannsheim-Hamburg» gebucht um auf die «New Orleans» zu warten. Am Samstagmorgen geht es mit dem Zug nach Hamburg. Die Einschiffung ist für Mittwoch, 12. Juli, vorgesehen. Ich bin bereit.