Marlise Pfander erzählte in Muri aus ihrer Buch «Hinter Gittern – Mein Leben im Männerknast». Gerade noch Gast beim Schweizer Fernsehen im «Club», einen Tag später im Äbte-Keller des Klostermuseums Muri. Marlise Pfander, ehemalige Gefängnisdirektorin, ist überall eine gefragte Frau.

Die Geschichte der Hausfrau und Mutter, die die Führung eines schwierigen Männerknastes übernimmt und fortan Probleme löst, die bis dahin als unlösbar galten, hat schon beinahe märchenhafte Züge. Arbeiterkind, kaufmännische Angestellte, Ehefrau, Mutter und mit 54 Jahren Quereinsteigerin in ein ganz anderes Metier. Marlise Pfander war bis zu ihrer Pensionierung 2013 neun Jahre lang Direktorin des Regionalgefängnisses Bern (RGB). Ihr Interesse wurde geweckt, als sie in den Migrationsbereich einstieg und Anhörungen im Gefängnis mit Asylsuchenden durchführte.
Argwöhnisch beobachtet
Als die Stelle der Gefängnisleitung ausgeschrieben wurde, überlegte sie nicht lange und reichte ihre Bewerbung ein. «Mein Dossier war so dünn, ich konnte tatsächlich nicht viel vorweisen. Doch die damalige Regierungsrätin und Polizeidirektorin gab mir die Chance.» Ein Mann hätte dies wohl nie getan. Die Männer warnten, es sei ein grosser Fehler, eine Frau in den «Männerknast» zu bringen. Wetten wurden darauf abgeschlossen, wie lange sie es aushalten würde.
Sie drang gleich zweifach in eine Männerdomäne ein. Einerseits stand sie unter scharfer Beobachtung aller übrigen Gefängnisleiter der Schweiz, die einer weiblichen Kollegin mehr als kritisch gegenüberstanden. Andererseits galt das RGB, das kein Vollzugs-, sondern ein Untersuchungsgefängnis mit integriertem Ausschaffungsgefängnis ist, als besonders schwierige Anstalt. Die harten Bedingungen in der Untersuchungshaft konfrontierten Marlise Pfander mit menschlichen und organisatorischen Problemen, die jahrzehntelang als unlösbar galten. Mit viel Herz und grossem Verstand krempelte sie den als «Pulverfass» bezeichneten Betrieb um. Beispielsweise führte sie einen Dreischicht-Betrieb ein, der für Insassen und Mitarbeiter bessere Bedingungen schuf. Weibliche Mitarbeiterinnen wurden eingestellt, was sich positiv auf die ganze Atmosphäre auswirkte. Der Menüplan wurde überarbeitet und eine kleine Weihnachtsfeier wurde ins Leben gerufen. Es sind nicht nur die Massnahmen selber, die den Aggressionspegel im RGB senkten. Es war Marlise Pfander, die mit ihrer Persönlichkeit, ihrem Interesse und kleinen Gesten die einzelnen Insassen zu berühren vermochte.

Text und Bild Silvia Langenbacher

Mehr im «Freiämter» vom Freitag, 15. Dezember