Ein Porträt über Jugendchorsänger Jan Felix Stöffler aus Altensteig (Deutschland), der zu Gast in Muri war
53 Sängerinnen und Sänger der Christophorus-Kantorei des Musik-Gymnasiums aus Altensteig aus dem Nordschwarzwald probten am Samstagabend in der reformierten Kirche in Muri. Zum siebten Mal schon trat der Chor aus Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren in Muri auf.

Der Chor erneuert sich permanent. Über all die Jahre gleich geblieben ist die Lehrerschaft. Sie ist zwar etwas gealtert, doch die Leidenschaft sowie das Engagement von Chorleiter Michael Nonnenmann und Organistin Susanne Schuler-Meybier scheinen ungebrochen. Erstaunlich, denn sie begleiten die Jugendlichen an 50 bis 80 Konzerten jährlich, touren durch halb Europa und haben mit dem Chor schon mehrere Preise erhalten. Altensteig ist gerade mal so gross wie Muri. Dass so viele Jugendliche von klassischer Musik und mehrstimmigem Gesang derart angetan sind, ist einmalig. Das müsste doch auch bei uns möglich sein – ist es aber nicht. Wie schaffen das die Altensteiger-Musik-Lehrkräfte? Vielleicht erklärt uns das Jan Felix Stöffler, der mit seinem Kollegen Clemens Diener bei meiner Familie Unterkunft bezog.
Chorsingen gehört zu seinem Leben
Jan ist 17 Jahre alt, singt Tenor, und keiner öffnet den Mund so weit wie er. Als Siebenjähriger trat er dem Kinderchor bei. Seit zehn Jahren übt er wöchentlich. «Ich kann mir das Chorsingen nicht mehr wegdenken und habe vor, mein Leben lang zu singen. Ich werde nach dem Gymnasium dem Universitätschor beitreten». Erstaunlich – das ist doch die Zeit der Pubertät, wo die Vorgaben der Eltern und Lehrpersonen grundsätzlich infrage gestellt und abgelehnt werden. Ausflippen, die Hosen aufschlitzen, das ist in, nicht im schwarzen Anzug mit Fliege altes Liedgut pflegen.
Dabei wirkt Jan gar nicht altklug, er trägt seine roten Haare mit einer neckischen «Lucky-Luke-Locke», spielt daneben noch Schach in einem Verein und Saxofon im Schulorchester. Für mich wirkt so viel Seriosität unglaubhaft: «Du hörst doch sicher zu Hause die Stones und Heavy Metal!» Er verneint. Moderne Klassik höre er durchaus, wie Penderecki, Ligeti und Stockhausen, allenfalls die ruhigeren Stücke von Robbie Williams. Sein Kollege Clemens wirkt eher wie ein Jungbanker, ein durch und durch seriös scheinender junger Mann, von der Scheitel bis zur Sohle. Es gelingt mir in keiner Weise, bei den beiden eine flippige Seite in ihrem Leben zu entdecken.
«Wie lautet die WLAN-Adresse?»
«Also wird eine Musikerlaufbahn eure Zukunft sein?», will ich wissen. Beide lehnen ab, Informatiker wollen sie werden oder vielleicht Automationstechnik studieren. «Ja, übrigens, wie lautet die WLAN-Adresse hier?» Es gelingt mir, diese innert Kürze meinem Handy zu entlocken, und es klappt zum Glück auf Anhieb. So habe ich mir zumindest eine Blamage erspart.
Aus der Erzählung erfahre ich, dass die Chormitglieder am Freitag unmittelbar nach Schulschluss in den Reisebus mit dem Bild der historischen Ansicht von Altensteig eingestiegen waren und eine Fahrt von gut vier Stunden nach Andeer im Hinterrheintal hinter sich gebracht hatten, wo der Chor am Freitagabend ein Konzert gab. Beeindruckend sei die Winterlandschaft gewesen und sie hätten hoch oben auf über 1500 Meter in einem Bauernhaus übernachtet. Heute Samstagabend steht das Konzert in Muri und morgen einige Lieder im Gottesdienst auf dem Plan. Nach dem Mittagessen geht die Fahrt am Sonntag gleich weiter. Um 17 Uhr wird irgendwo im Schwarzwald das nächste volle Konzert gesungen, bevor es ab nach Hause geht. Am Montagmorgen beginnt die Schule ganz normal, als wäre nichts gewesen. Einzig die Lehrerschaft versicherte, dass keine Prüfungen stattfänden.

Text und Bild Hans Kaufmann

Mehr im «Freiämter» vom Freitag, 15. Dezember